Gefangen in der Facebook-Filterblase

Filterblasen sind ein recht junges Thema, das bislang kaum im öffentlichen Fokus zu finden war. Obwohl die Verbreitung in den letzten Jahren drastisch zunahm. Doch mittlerweile prägen sie das Leben von den meisten Internetnutzern. Was hat es mit den Blasen auf sich?

Soziale Netzwerke können eine Filterblase bilden
Soziale Netzwerke können eine Filterblase bilden

Der Internet-Alltag ist personalisiert

Seit einiger Zeit versuchen Webseiten zunehmend, personalisierte Ergebnisse anzuzeigen. Dies fängt schon bei der Werbung an: Wer auf Amazon beispielsweise nach einem Geschirrspüler sucht, sieht anschließend zunehmend Werbeanzeigen von verschiedenen Geschirrspülmaschinen. Shops wie Amazon analysieren also das Suchverhalten des Nutzers. Werbetreibende nutzen diese Informationen für Werbeanzeigen. Man nennt sie personalisiert, da die Werbung auf Verhalten und Interesse der Zielperson abgestimmt ist. Dies soll die Wahrscheinlichkeit steigern, dass der Anwender sie anklickt und das beworbene Produkt kauft.

Eine ähnliche Personalisierung hat sich in anderen Bereichen durchgesetzt. Die bekanntesten Beispiele sind wohl Google und Facebook: Google analysiert vorherige Suchen des Nutzers, um seine Interessen zu ermitteln. Diese Daten beeinflussen, ob ein Treffer weiter oben oder unten in der Ergebnisliste angezeigt wird. Oder ob die Suchmaschine ihn möglicherweise komplett ausblendet. Bei Facebook findet ein ähnliches Prinzip auf den Aktivitätsstream Anwendung: Sie zeigen bevorzugt Beiträge, die zu den Interessen und Ansichten des jeweiligen Nutzers passen.

Personalisierung führt zu gefiltertem Informationsfluss

Durch Personalisierung bekommen die Nutzer somit Dinge zu sehen, die sie interessieren: Einem Autofan werden Sportwagen angezeigt, die Mutter von 3 Kindern erhält dagegen Hinweise auf Rabattaktionen für Babynahrung und Windeln. Seit 2009 übrigens unabhängig davon, ob man ein Google-Konto besitzt, oder nicht. Klingt auf den ersten Blick sinnvoll, hat aber einen erheblichen Nachteil: Die Menschen werden beeinflusst. Denn personalisierte Ergebnisse zeigen in der Regel nur Inhalte, die zum Profil des Menschen passen. Neue Themen werden, wie auch andere Ansichten, eher ausgeblendet.

Internetaktivist Eli Pariser veranschaulichte dies bereits 2010 in folgendem Beispiel: Zwei Nutzer suchen nach „BP“. Einer von Ihnen sieht in den ersten Treffern Nachrichten und Informationen zu Investitionsmöglichkeiten der Firma British Petroleum. Ein anderer Nutzer suchte nach dem gleichen Begriff, ihm werden jedoch hauptsächlich kritische Ergebnisse angezeigt. Etwa Artikel zur Bohrplattform Deepwater Horizon, die durch schwere Versäumnisse des Betreibers im Jahre 2010 in Brand geriet – und die schwerste Umweltkatastrophe dieser Art in der Menschheitsgeschichte verursachte. Es werden also zum einen Informationen vorenthalten. Zum anderen sieht der Leser sein eigenes Meinungsbild bestätigt, was zu Intoleranz gegenüber anderen Haltungen führen kann.

Keine Kontrolle mit unbekanntem Ausmaß

Die fehlende Kontrolle und Transparenz ist bei diesem Thema das wohl größte Problem: Was wird in welchem Umfang verändert? Welche Informationen nutzt das System? Und in welcher Gewichtung? Große Firmen wie Google oder Facebook schweigen hierzu. Eine Wahlmöglichkeit, um nicht-personalisierte Treffer anzuzeigen, fehlt ebenfalls. Teils wissen die Betroffenen nicht einmal, dass die angezeigten Inhalte nicht das gesamte Spektrum abbilden. Selbst technisch versierte Anwender können sich nur begrenzt dagegen schützen.

Welche Auswirkungen dies tatsächlich auf unsere Gesellschaft hat, ist bislang unklar. Einzelne Experimente haben gezeigt, dass der Einfluss in der Praxis gering ist. Allerdings sind diese bereits einige Jahre alt. Ein langer Zeitraum für das Internet: Große Firmen wie Google ändern ihre Algorithmen ständig. Alle paar Jahre gibt es größere Änderungen. Darüber hinaus wurden diese Tests in kleinen Gruppen durchgeführt, die nicht repräsentativ sind. Auf der anderen Seite existieren Filterblasen in abgeschwächter Form auch ohne Internet: Gleich und gleich gesellt sich gern, heißt es. Wer sich als Impfgegner nur mit Menschen unterhält, die Impfungen ebenfalls ablehnen, ist einem ähnlichen Effekt ausgesetzt.

Eine Frage der Perspektive

Wissenschaftler wie Paul Resnick plädieren daher dafür, die Personalisierung von Inhalten nicht pauschal abzulehnen oder gar abschaffen zu wollen. Er sieht das Thema eher als Hilfe, sofern akkurat durchgeführt. Allerdings gibt Resnick auch zu bedenken, dass solche Filter große Macht haben. Ihr Einsatz muss daher verantwortungsvoll und transparent erfolgen. Außerdem darf nicht zum Zwecke der einseitigen Manipulation gefiltert werden – etwa, um kritische Inhalte auszublenden oder den Menschen eine bestimmte Haltung aufzulegen.

Letztendlich sind solche Mechanismen zur Filterung heutzutage nur noch schwer wegzudenken – alleine aufgrund der Masse an Inhalten, die das Internet bietet. Fairerweise muss auch gesagt werden, dass sie durchaus Vorteile bieten können: Wer beispielsweise einen Zahnarzt oder Lieferdienst sucht, möchte ein Angebot in der Nähe. Und nicht am anderen Ende von Deutschland. Filterblasen sind daher nicht direkt als Verbreitungsweg für Falschmeldungen zu sehen. Allerdings ist es wichtig, dass wir uns bewusst sind: Informationen auf Google, Facebook & co. sind nicht  zwingend neutral!

Medienkompetenz hilft

Zur Medienkompetenz gehört daher, auch unbequeme Meinungen zuzulassen – besser noch, diese gezielt zu suchen. Beispielsweise im Dialog mit Menschen, die einen anderen Standpunkt vertreten. Hier sollte man sich nicht nur auf das Internet beschränken. Sondern auch mal das Netz verlassen. Interessant sind zudem Gespräche mit fremden Menschen. Sie haben nicht selten eine völlig andere Sicht. All dies erweitert den Horizont und hilft, ein Thema möglichst vielfältig von allen Seiten zu betrachten.

Denn genau diese umfassende Sicht ist Voraussetzung, um sich eine sachliche Meinung bilden zu können – und zwar ohne dabei von Einzelnen manipuliert zu werden. Diese Gefahr ist in allen Medien zu finden. Ähnlich wie bei bewussten Falschmeldungen sollte man eine kritische Haltung einnehmen. Und nicht alles blind glauben.